Klimawechsel in Neukölln

An der Grundschule am Sandsteinweg herrscht ein anderes Klima. Eltern haben ‚Klimakonferenzen’ eingeführt, mit denen sie Probleme sammeln und benennen oder Änderungsvorschläge formulieren und strukturieren. ‚Blitz’, das bedeutet: Dringender Änderungsbedarf an der Schule. ‚Wolken’ sind Dinge, die das Schulklima trüben. Der ‚Wind’ steht für das, was frischen Wind in die Schule bringt oder bringen könnte. Mit der Sonne benennt jeder Teilnehmer bei einer Eltern-'Klimakonferenz', was aus seiner Sicht gut läuft. Sylvia Richel und Merve Ulusoy haben viel Zeit und Engagement in ihre Schule gesteckt. Und vieles damit bewirkt.

Sylvia Richel entdeckte die 'Klimakonferenz' im Internet. Sie ist Teil des Moduls 'Prima Klima', das Anschub.de für Eltern, Lehrer und Schulleiter entwickelt hat. Richel steckte Merve Ulosoy mit ihrem Interesse an, beide machten sich beim Berliner Landesprogramm Gute Gesunde Schule in einer Anschub-Fortbildung mit der Methode vertraut und lernten, sie zu vermitteln. Heute bilden die beiden eines von fünf Moderatoren-Tandems für die Klimakonferenz an der Schule.

Konkrete Vorschläge statt diffuser Unzufriedenheit

Als erstes packte die Grundschule am Sandsteinweg das Thema Hausaufgaben an. Ein leidiges Thema, wie sich immer wieder bei Klassen-'Klimakonferenzen' zeigte. Deshalb wurde es zum Tagesordnungspunkt einer schulweiten Themen-'Klimakonferenz' gemacht: Mehr als neunzig Eltern, Lehrer und Erzieher arbeiteten mit. Ergebnis: Die Schule erprobt Hausaufgabenstunden am Nachmittag – betreut von externen Lehrkräften, Eltern und Schülerpaten von Oberschulen aus der Nähe. So wird aus „diffuser Unzufriedenheit“ im Laufe der 'Klimakonferenz' „ein handfester Handlungsauftrag für die Schulleitung, mit ganz gezielten, konkreten Lösungsvorschlägen“, sagt Sylvia Richel.

Für Merve Ulusoy hat die 'Klimakonferenz' den Praxistest längst bestanden. „Die Methode ist einfach und total wirkungsvoll.“ Auch schüchterne Eltern trauten sich, bei der 'Klimakonferenz' den Mund aufzumachen, „weil zu jedem Symbol jeder ja wenigstens ein Stichwort sagen kann, und weil wir in Kleingruppen arbeiten“. Zudem könne die Schule mit den Wünschen und Anregungen der Eltern mehr anfangen, wenn sie durch die Symbole gut aufbereitet seien.

Lehrer werden nicht an den Pranger gestellt

Das bestätigt auch Schulleiterin Petra Balzer: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Ideen der Eltern gut durchdacht sind, dass sie auch berücksichtigen, was finanziell und vom Personal her machbar ist.“ Nicht nur die Eltern, sondern auch für die Lehrer sieht sie Vorteile: „Sie schafft eine vertrauensvolle, offene und konstruktive Atmosphäre, da immer die Sache im Vordergrund steht, nicht die Person. Niemand wird an den Pranger gestellt. Dadurch fassen die Lehrer Kritik nicht als Angriff auf, gehen nicht in Verteidigungshaltung, sondern versuchen, sie anzunehmen und auch umzusetzen.“ Themen, die aus Sicht der Eltern schon jetzt die Sonne oder den Wind als Symbol verdienen, tragen oftmals schon die Lösung für  Probleme in sich: Gemeinsam erkennen Eltern und Lehrer hier positive Muster aus dem Schulalltag, die sich auf vielleicht auch auf schwierige Bereiche übertragen lassen.

Klare Ansage: Wer macht was, wie, wann und mit wem

Dirk Medrow beobachtet die Veränderungen an der Grundschule am Sandsteinweg hocherfreut. Der im Berliner Landesprogamm zuständige Koordinator sieht in der 'Klimakonferenz' eine große Chance, um die Eltern-Beteiligung professionell umzusetzen. „Wir kommen dadurch weg von man-müsste-mal-Sprüchen und gewinnen ganz konkrete, zielgerichtete Vorschläge für die Schulentwicklungsplanung nach dem Muster einer Projektplanung, die Aussagen dazu trifft, was, wie, wann und mit wessen Beteiligung getan werden soll.“ Zusammen mit Sylvia Richel bildet er mittlerweile Eltern aus ganz Berlin als Moderatoren-Tandems aus.

Die Grundschule am Sandsteinweg hat bereits eine wichtige Entscheidung getroffen: Sie nimmt die Methode als festen Bestandteil ins Schulprogramm auf. In regelmäßigen Abständen wird es Themen-'Klimakonferenzen' geben, die Maßnahmen zur Schulentwicklung einleiten oder der Evaluation dienen. Zu den Zielen gehört es auch, dass Klassensprecher regelmäßig 'Klimakonferenzen' abhalten.